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Informelle Arbeit bleibt Frauendomäne
petfed.jpgSie sind StraßenhändlerInnen, KleinproduzentInnen, Hausangestellte und HeimarbeiterInnen. Laut OECD arbeiten fast zwei Drittel aller Erwerbstätigen weltweit in der informellen Wirtschaft, die meisten in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Mehrheit von ihnen sind Frauen. Das Südwind-Institut (Institut für Ökonomie und Ökumene) hat gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern eine Studie vorgestellt, die die Arbeits- und Lebenssituation von Frauen im informellen Sektor untersucht.
 
Historisch gesehen ist die „formelle“, d.h. staatlich geregelte, sozial geschützte Arbeit eine Ausnahmeerscheinung. Sie entstand im Zuge der kapitalistischen Industrialisierung und gilt im Wesentlichen nur in den Industrieländern. In Entwicklungsländern entspricht sie nicht der Normalität. In einigen Regionen der Welt beträgt der Anteil sozial ungeschützter Beschäftigter an der Gesamtbeschäftigung 80 Prozent. Insgesamt geht die OECD im Jahr 2009 weltweit von einem Anteil von 60 Prozent (1,8 Milliarden) informeller Arbeitsverhältnisse aus. Demgegenüber stehen 1,2 Milliarden sozial abgesicherte ArbeiterInnen.

Auch in Industrieländern wie Deutschland sind Frauen von informeller Arbeit weitaus stärker betroffen als Männer. Fast 40 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen arbeiten atypisch, während die Rate bei Männern 14 Prozent beträgt.

Extremformen der Diskriminierung

Informelle Arbeit ist eine Frauendomäne. „Informationen über die sozial ungeschützte Arbeit in der informellen Wirtschaft sind rar“, sagt Ingeborg Wick, Verfasserin der Studie „Frauenarbeit im Schatten. Informelle Wirtschaft und Freie Exportzonen“. „Dennoch handelt es sich um Massenphänomene und um Extremformen der Diskriminierung von Beschäftigten, die eine größere Aufmerksamkeit und ein stärkeres Gegensteuern verlangen.“

Tendenz zunehmend

„Ein wesentlicher Grund für die schnelle Ausbreitung informeller Arbeit seit den 1970er Jahren sind die mit der neoliberalen Globalisierung verbundenen weltweiten Umstrukturierungen der Finanzmärkte, der Produktion, des Handels und der Arbeitsbeziehungen“, konstatiert die Studie.

Freie Exportzonen ohne Arbeitsrechte

Ein konkreter Antrieb der weltweiten Ausbreitung ungeschützter Arbeit sind etwa die „Freien Exportzonen“. In rund 3500 dieser Steuer- und Zoll-Enklaven in 130 Ländern arbeiten heute 66 Millionen Menschen – überwiegend Frauen. Bei der Herstellung von Textilien, Elektronik- und Haushaltswaren für den Weltmarkt werden ihre Arbeits- und Frauenrechte oft gravierend verletzt.

Für multinationale Unternehmen sind die Bedingungen dagegen perfekt: Steuerbefreiungen, freier Transfer der Gewinne in ihre Heimatländer, oftmals kostenlose Grundstücke, Wasser- und Stromanschlüsse. Und für die ArbeiterInnen gelten hier weder die international anerkannten Kernarbeitsnormen noch die Arbeitsbestimmungen des jeweiligen Landes.

Es war vor allem der Internationale Währungsfonds (IWF), der seit den 1980er Jahren viele Entwicklungsländer zum Ausbau solcher Zonen drängte. Auf diese Weise sollten sie Devisen erwirtschaften und damit ihre Schulden zurückzahlen können. Gleichzeitig verbanden viele Regierungen damit die Hoffnung, von den international ausgerichteten Firmen würden positive Impulse für ihr Land ausgehen. In den meisten Fällen eine Illusion: „Weder kam es zu größeren Lieferaufträgen für lokale Unternehmen, noch hat die fortgeschrittene FEZ-Technologie auf die lokale Wirtschaft übergegriffen“, schlussfolgert die Studie.

Textilbranche besonders betroffen

Informelle Arbeit ist gerade in der Textilbranche schon seit einigen Jahren ein Thema. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO schätzt, dass 30 Millionen Menschen in Textil- und Bekleidungsfabriken schuften – und ihnen fünf- bis zehnmal so viele ohne Arbeitsvertrag zuliefern. Auch hier ist die Mehrheit weiblich. Mit dem Ende des Welttextilabkommens, das Lieferquoten für einzelne Länder garantiert hatte, hat sich die Konkurrenzsituation auf dem Weltmarkt seit 2005 noch einmal verschärft. Viele Länder reagierten mit einem weiteren Abbau der Arbeitsschutzrechte. Und fällt ein Auftrag aus, schließt die Fabrik. Absicherung gibt es nicht. Oder das Unternehmen zieht einfach weiter an einen anderen Ort. Irgendwohin, wo die Arbeit noch billiger zu haben ist.

Organisierung im informellen Sektor

In „gewerkschaftsfreien Zonen“ ist die Organisierung von Protest und Widerstand besonders schwierig. In vielen Ländern macht die internationale Clean Clothes Campaign (CCC) auf die Situation von TextilarbeiterInnen aufmerksam. Auch die bereits seit 1972 aktive indische Self-Employed Women's Association (SEWA) hat mit Arbeiterinnen aus der Textilbranche begonnen. Heute sind in ihr Straßenverkäuferinnen, Müllsammlerinnen, Heimarbeiterinnen, Textilarbeiterinnen und Hausangestellte organisiert.

Im Jahr 1997 haben Interessenvertreterinnen von informell Beschäftigten, Forscherinnen und Frauen aus Entwicklungseinrichtungen vieler Länder die Organisation „Women in Informal Employment: Globalizing and Organizing“ (WIEGO) gegründet. Ihr Ziel ist die Verbesserung des Status von arbeitenden Armen, insbesondere Frauen, in der informellen Wirtschaft.

Die Studie zum Download (pdf)
 

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